...aus dem Tagesspiegel vom 9.12.2001

Kann man Sicherheit kaufen ?
Das Zwielicht ist der Arbeitsplatz der Wachleute, die Sorglosigkeit ist ihr Produkt.
Wie es sich anfühlt, beschützt zu werden.

Mit der Sicherheit ist es dasselbe wie mit der Liebe. Man kann sie nicht sehen. Es gibt Anzeichen, aber man weiß nicht, ob sie wirklich da ist. Sie ist eine Sache des Gefühls. Mit dem Gefühl ist es dasselbe wie mit den meisten Dingen auf der Welt. Man muss dafür bezahlen. Dabei bleibt völlig unklar, was es wirklich wert ist. (...)

Der Bedarf ist sehr groß. Wenn es besonders heikel wird, gibt Ostmann den Auftrag an Michael Kuhr weiter. Er ist der Chef der Kuhr-Security GmbH. Er hat Männer mit Security- und Bodyguard-Ausbildung. Sie sind Bären wie die Männer von Ostmann, nur sind sie noch stärker, weil sie Pistolen tragen. Sie müssen ran, wenn nicht nur Dinge sondern auch noch Menschen in Gefahr sind. Wer zur Sicherheit einen von ihnen haben will, muss dafür teuer bezahlen. Dabei kann er letztendlich auch nur hoffen, dass der Personenschützer, dem er sich anvertraut, im entscheidenden Moment seinen Kopf hinhält. (...)

Für ihn ist das alles Routine: die langen Nächte in Berlin, wie die Leute aussehen, was sie reden, was in ihnen steckt. Michael Kuhr hat schon so manch harmlose Situation brenzlig werden sehen. Seit Jahren hält er sich dort auf, wo sich das normale Leben ins Gegenteil verkehrt. In Diskotheken, wo kleine Drogen die Nächte spaßiger und zugleich gefährlich machen. Mit einer Münze öffnet er die Toilettentüren und holt die Dealer raus. Seine Leute sortieren an den Eingängen die Besucher. Schon an den Klamotten sehen sie, wer Stress machen könnte. Und so mancher, den sie nicht reinlassen, weil er die falschen Schuhe anhat, zieht ein Messer. Jede Nacht passiert irgendwas. Mitunter durchsuchen Kuhrs Leute jeden Mann von oben bis unten und kontrollieren die Handtaschen aller Frauen. Kuhr steht dabei, redet auf die ein, die sich empören. Seine Worte sind eher Befehle als ein langes Hin und Her. Er weiß, wo er sich befindet. Er kennt die Gegend, die Cliquen, die statt seiner Männer die Türen beherrschen möchten, er weiß, dass die sich holen, was sie haben wollen, was läuft, wenn bestimmte Gesichter in der Nähe einer Diskothek auftauchen. Er kann den Stress, den es nach Mitternacht geben wird, mittlerweile schon um elf riechen. Michael Kuhr hat Angst. Doch selbst, was er fürchtet, ist das Gegenteil von dem, wovon sich Leute normalerweise fürchten. "Ich hab einfach Angst, irgendwann mal jemanden zu erschießen." (...)

das Kuhr Security Team...

Unsicherheit ist das, was man nicht weiß. Und Sicherheit ist nicht das Gegenteil. Man kann über sie nachdenken wie über ein kompliziertes Einlasskontrollsystem. Man kann sie anfassen wie den Mann im Foyer. Man kann sie kaufen. Um so besser, um so teurer. Aber letztlich will man sie fühlen.

Zum Fühlen schickt Michael Kuhr seinen besten Mann: ein Bär, Mercedes der E-Klasse, schusssichere Weste, bewaffnet. Er ruft mit dem Handy an, als er da ist, dann parkt er das Auto und wartet im Dunkeln direkt vor der Haustür. Die Fahrt geht durch die Nacht zu zwielichtigen Diskotheken und seltsamen Etablissements. Der beste Mann sagt: "Was auch passiert, ich bin immer für Sie da." (...) Mit großen Schritten annektiert der beste Mann das Terrain. "Schon was vorgefallen?" Nicht einmal als die Antwort kommt, stehen seine Augen still. Sie röntgen die Leute, lassen niemanden etwas unbemerkt tun. Der beste Mann ist ganz woanders, gleichzeitig ist er da, trinkt "Red Bull", bekommt Flügel, schwebt über allem.

Im "Palace" in Reinickendorf ist heute Nacht schon ein Messer aufgeblitzt. Kuhrs Männer sind unverletzt. Sie checken am Eingang die Leute, oben wird in zwei Sälen getanzt. Es ist rammelvoll, es flimmert, man kann kaum etwas sehen und wird von allen Seiten angegrapscht. Aber der Blick des besten Mannes kann auch Schneisen in Menschenmassen schlagen. Schritt für Schritt ziehen sich Augenpaare und Hände zurück. In seinem Rücken läuft es sich wie auf einem roten Teppich. Schnell und sicher ist man am Ziel, aber da will man gar nicht hin. Viel lieber möchte man noch stundenlang so gehen. Das gute Gefühl ist maßlos: Gern hätte man jetzt einen gefährlichen Zwischenfall.

Es ist heiß. "Unwichtig", sagt der beste Mann und meint den Schweiß unter der Schutzbekleidung. Eine Männergruppe rempelt sich vorbei. Gegen eine solche Weste zu fallen, fühlt sich an, als würde man gegen einen Baum geschubst. "Ich habe immer Angst", sagt der beste Mann. "Die brauche ich, um vorsichtig zu sein." Es kracht. War das ein Schuss? Ganz bestimmt nicht, alles ist gut, das hat man im Gefühl.

"Mein Bodyquard!" schreit Whitney Houston im Film hysterisch, als Kevin Costner, für den sie viel Geld bezahlt hat, in ihre Arme gesunken ist. "Mein Bodyquard blutet!" - Nadja Klinger (TS/ 09.12.2001)