...taz, 12.03.2008

Renommierter Sicherheitsexperte erschrocken über Disko-Krieg / Spezialeinheit angeraten


"Einmalige Dimension"
Er war Bodyguard für Boxlegende Muhammad Ali, bewachte internationale Filmstars wie Brad Pitt und Angelina Jolie, sicherte die Hochzeit von Verona Feldbusch. Vor allem aber kennt sich der Berliner Sicherheitsexperte Michael Kuhr im Türsteher-Milieu aus wie kaum ein anderer. Seine Männer von der Kuhr Security haben in der Hauptstadt schon vor Jahren erlebt, was im Leipziger Nachtleben seit Monaten tobt: ein unerbittlicher Krieg um die Diskotüren. Auch er selbst habe massive Drohungen von kriminellen Banden erhalten. Und doch war Kuhr erschrocken, als er von den Straßenschlachten aus Leipzig härte: "Waren das bei euch wirklich über 100 Mann, die Randale gemacht haben?", fragte er. "Das wäre eine einmalige Dimension, bei uns in Berlin waren es höchstens 20 bis 30."

Der Security-Fachmann gilt als strikter Verfechter einer engen Zusammenarbeit mit der Polizei. "Nach meiner Erfahrung gibt es keine andere Möglichkeit, das Problem zu lösen, wenn sich Türsteher und kriminelle Ausländer gegenüber stehen." Ohne Einfluss der Polizei, so Kuhr, gehen die brutalen Auseinandersetzungen weiter. Und zwar bis zum bitteren Ende. Kuhr: "Entweder eine der beiden Seiten wird dabei verdrängt. Oder aber die Kriminellen machen den Türstehern ein Angebot zur Einigung. Letzteres würde jedoch bedeuten, dass dann auch die Security-Firmen in der organisierten Kriminalität verschwinden." In Berlin habe die Polizei die Situation inzwischen "einigermaßen im Griff", lobt Kuhr. "Allerdings erst, seitdem eine eigens dafür geschaffene Spezialeinheit existiert." Seit 2001 räumt diese "Besondere Aufbauorganisation (BAO) Türsteher" im Halbwelt-Milieu auf. Bilanz allein der ersten zwölf Monate: mehr als 140 Ermittlungsverfahren, knapp 60 Festnahmen, über 30 Haftbefehle. "Die ausländischen Gruppierungen gerieten dadurch unter extremen Druck", schildert Kuhr, "einige sind deshalb vüllig abgetaucht, machen keinen Stress mehr." Eingedenk dieser guten Erfahrungen hatten auch die Betreiber von mehr als 20 Leipziger Diskotheken, Restaurants und Bars schon Mitte März um "ein ständig verfügbares Spezialteam" der Leipziger Polizei gebeten, "welches schnell eingreift und mit der Thematik und den stadtbekannten Straftätern vertraut ist". Die Polizeispitze mochte sich dazu bislang nicht klar positionieren. Sie vertraut weiter auf jene auswärtigen Einheiten, die nach den Krawallen am 8. März vorübergehend in Leipzig stationiert wurden. Haftbefehle bislang: keine.

von Frank Döring - (c) Archiv - Leipziger Volkszeitung

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