...Zitty Nr.19 / 2000

Kurse, Kampfsport, Kontrolle - Was Türsteher lernen sollen

Muskelschmalz und unbewegte Miene: Wer denkt, dass er damit einen Job als Türsteher kriegt, liegt gar nicht falsch. Es gibt keine geregelte Ausbildung für diesen Beruf.

Ausbildungen gibt es dennoch. Gesetzliche Mindestanforderungen für alle, die in der Sicherheitsbranche ihr Geld verdienen wollen, ist allein die Teilnahme an einem Lehrgang der Industrie- und Handelskammer (IHK). Der dauert drei Tage für Angestellte und kostet 450 DM. "Wir geben den Teilnehmern einen kurzen Überblick über rechtliche Grundlagen, technische Betriebsmittel und darüber, wie man mit Menschen umgeht, sie beispielsweise bei einer Panik beruhigt", erklärt Frank Sommer, Dozent bei der IHK Berlin. Sein Kurs richtet sich allerdings an alle in dieser Branche, egal, ob sie Geldtransporter schützen, Gebäude bewachen oder eben Gäste kontrollieren.

Michael Kuhr hält nichts von diesem Kurs. "Der reicht bei weitem nicht aus", sagt der Inhaber eines Sicherheitsunternehmens, das sich auf Türsteherdienst spezialisiert hat. Die Mitarbeiter der Kuhr Security, so der Name der Firma, stehen in 20 großen Diskotheken und Erlebnislokalen in Berlin und dem Umland Wache, etwa der Pickers Sports Bar oder dem Annabelle's. Ihnen wird einiges abverlangt: Neben den gesetzlichen Voraussetzungen, also IHK-Schein und sauberem Führungszeugnis, müssen sie die Bereitschaft mitbringen, sich ständig fit zu halten. Und zwar körperlich und geistig.

Einmal in der Woche trainiert sie Michael Kuhr in Kampfsport - Kuhr ist mehrmaliger Kickbox-Weltmeister. Und alle drei Monate hält ein Polizeihauptkommissar Wochenendseminare: zum Beispiel über Straf- und Prozessordnung, den Notwehrparagrafen oder Grundsätze bei der Ausbildung von Hilfeleistung. Teilnahme ist Pflicht. "Das ist fast so etwas wie eine Türsteher-Schule", sagt Kuhr nicht ohne Stolz.

Schulcharakter hat auch der einjährige Lehrgang zum Security-Fachmann, den die DEKRA-Akademie, Tochtergesellschaft des Deutschen Verkehrs- und Überwachungsvereins, seit 1999 anbietet. Die Unterrichtsinhalte ähneln den des IHK-Kurses. Nur dass bei 40 Stunden pro Woche viel Zeit bleibt, diese ausführlich und anhand von Fallbeispielen zu vermitteln. Finanziert wird der Kurs vom Arbeitsamt. Wer nicht arbeitslos ist, muss allerdings tief in die Tasche greifen: 10.000 DM kostet der Lehrgang zum Sicherheitsspezialisten.

Ob sich diese Investition lohnt? Die Bezahlung im Bewachungsgewerbe ist bei weitem nicht so gut, wie man vermuten würde. Zwölf DM pro Stunde ist der Tieflohn. Wen wundert's, dass da einige noch etwas dazu verdienen wollen. Manchmal auf illegale Weise. "Es gibt viel kriminelles Potenzial in der Türsteherszene", sagt Michael Henninger vom Landeskriminalamt Berlin, Sektion organisiert Kriminalität. So wurden im Juni bei zwei Mitarbeitern einer Sicherheitsfirma zehn Kilo Kokain sichergestellt. Die Ermittlungen laufen noch. Drogenhandel gehört zu den häufigen Delikten.

Von diesen "schwarzen Schafen" distanziert sich Kuhr, der seinen Mitarbeitern 25 DM die Stunde bezahlt. So herrscht bei ihm auch strengstes Alkohol- und Drogenverbot. Wer unter 25 Jahre alt und kleiner als 1,80 m ist, wir sowieso nicht eingestellt. Ein selbstbewusstes, diplomatisches Auftreten setze ein gewisses Alter voraus, meint Kuhn. Und wer großer ist, verschaffe sich leichter Respekt.

Wer nach Stress aussieht, wird nicht reingelassen. "Und es gibt immer Stress. Im Westen machen ihn die Ausländer, im Osten Hools und Glatzen", meint Kuhr. Aus diesem Grund beschäftigt er auch keine Frauen. "Zu risikoreich. Gerade Ausländer lassen sich von einer Frau an der Tür nichts sagen", meint Kuhr, der immer eine Waffe trägt. Benutzen musste er sie allerdings noch nie.

Vielleicht, weil er das besitzt, was in dieser Branche unerlässlich ist: "Herz. Ein guter Türsteher muss Herz haben." Kuhr meint damit jedoch nicht etwa Menschenliebe, sondern Selbstbeherrschung. "Wenn jemand an die Tür kommt und sagt: ,Ich ficke deine Mutter', darfst du nicht gleich mit der Faust anworten." Sondern? Kuhr lacht: "Naja, dann sagste: ,Danke, Alter, meine Mama ist schon über 60, die freut sich, wenn sie mal junge Männer kriegt'." - Ulrike Schattenmann (Zitty Nr.19/ 2000)